September 9, 2009

Chris Killen und ein nägelkauendes Ungeheuer im Vogelzimmer

Nennen wir das Erstlingswerk von Chris Killen schlicht großartig! Was der 28-jährige Brite da abliefert, ist fein ausbalanciert und sprachlich von einer Wucht, dass man glaubt, in den jungen Schreiber sei der alterswilde Thomas Bernhard gefahren – so viel Selbst- und Weltekel ist lange nicht mehr so eigenwillig, elegant und fesselnd formuliert worden. Nur eins verwundert: Warum das Buch bei uns nicht den Erfolg hat, den es in den USA und Großbritannien feiert.

Der Held, den uns Killen in all seinen seelischen Abgründen Seite für Seite entblättert, ist ein blasses, nägelkauendes Nichts; zumindest fühlt sich Will so und setzt seine ganze zerstörerische Energie daran, zu verschwinden, sich selbst zu zerstören – und alles, was ihn umgibt.

Gift, Galle und seelenloser Sex

Streng genommen ist dies aber kein Roman, sondern ein Selbstgespräch, ein reißender Reflexionsstrom aus einem beschädigten Leben voller Gift, Galle und Eifersucht. Und weil das Unvollkommene sich nur im Vollkommenen spiegeln kann, wird noch ein zweiter Will in die Geschichte eingeführt.

Will, der Künstler und Freund des Lebensuntüchtigen, malt Vögel, immer wieder Vögel und versteht sein Leben als ein Konzeptkunst. „Ich werde ein Mädchen dafür bezahlen, eine Beziehung mit mir zu führen, und dann mache ich Schluss mit ihr und dokumentiere die Sache in einer Ausstellung.” Soweit kommt es nicht. Stattdessen schläft der schräge Vogel mit Wills Freundin.

Wie es sich für die Cool-Britannia-Generation gehört, gilt es auch hier etliche Passagen mit seelenlosem Sex wegzulesen. Auffallend: Über zwanzig Mal wird das Adjektiv „kalt” benutzt, nur um dann wieder eine wärmende Metapher darum zu stricken. Und immer haben sie mit Helen, Clair und Alice zu tun, bei denen es sich durchaus um dieselbe Person handeln könnte.

Killens Debüt überzeugt nicht zuletzt auch dank seines schwarzen, wohl dosierter Humors, der jeglichen Anflug von Lesedepressionen verhindert; und so schaut man seinem Untergeher mit Lust beim Untergehen zu.

Chris Killen: Das Vogelzimmer. Taschenbuch, 160 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 7.95 €

September 3, 2009

Mit Henning Scherf gemeinsam statt einsam

Kevelaer. Der beliebte Ex-Politiker Henning Scherf kam nach Kevelaer, um sein neues Buch vorzustellen. Weil das SPD-Urgestein aber lieber mit Menschen spricht statt vorzulesen, wurde es eine frei gesprochene Rede über ein gelingendes Leben in einer älter werdenden Gesellschaft.

Scherf_Henning_neu_Foto_privat_frei

Dass Henning Scherf eine herausragende Persönlichkeit ist, zeigt sich nicht nur an seiner Körpergröße von 2,04 Meter. Nein, es ist auch die unnachahmliche Art des ehemaligen Bremer Bürgermeisters und SPD-Urgesteins, mit der er auf Menschen zugeht.

So auch bei der Lesung im Konzert- und Bühnenhaus in Kevelaer am Dienstagabend, die er auf Einladung des „Fördervereins Generationshaus” bestritt. Und das regelrecht druckfrisch, hielt Scherf in Kevelaer zum ersten Mal sein neues Buch „Gemeinsam statt einsam” in den Händen. Daraus vorgelesen hat er trotzdem nicht, aber fast drei Stunden lang darüber erzählt und erzählt und erzählt…

Aus Vor-Liebe geheiratet

Henning Scherf: Gemeinsam statt Einsam. Verlag Herder
Aber der Reihe nach: Pünktlich um 20 Uhr betrat der sanfte Riese den Saal, und wer sich bis dahin gefragt hatte, warum die Bremer ihren Scherf schlicht „Henning der Knutscher” nennen, verstand sofort: Über 15 Minuten lang begrüßte der Mann, der in seiner aktiven Politikerzeit mehrmals als Bundespräsident im Gespräch war, sein Publikum. Jeden der 120 Zuhörer einzeln, jeden per Handschlag, viele mit warmen oder launigen Worten („Schauen Sie mal, was ich für ein großes Männchen bin”), einige umarmte er gar wie alte Verwandte. Dabei

bekannte Scherf ohne Umschweife, zum ersten Mal in Kevelaer zu sein. Er, der Protestant, freue sich „auf das Milieu hier”. Später bekannte er mit kokettem Scharm noch, er habe seine Frau aus Vor-Liebe geheiratet, ob man denn so was hier sagen dürfe. Durfte man.

Sein Interesse an den Menschen wirkt echt, und ein begnadeter Rhetoriker ist er zudem. Nach fast drei Stunden Scherfscher Dauerwerbesendung für eigene Lebenseinsichten, hatte man glatt das Gefühl, die Hälfte der Zuhörer im Saal ziehe noch am selben Abend in eine Wohngemeinschaft.

Alters-WG bekannt wie Kommune I

Der Buchtitel ist Programm: "Gemeinsam statt einsam"

Es liegt wohl am Charisma des 71-Jährigen, dem bereits in seiner Zeit als aktiver Politiker das Kunststück gelang, weit über die Grenzen des Bremer Stadtstaats („ich war mal so etwas wie ein Rüttgers”) berühmt und beliebt zu werden. Nicht nur, weil Scherf beinharte Konservative durch seine integre Art in eine Große Koalition kuschelte, sondern auch, weil er mit seiner Frau seit zwei Jahrzehnten in einer Hausgemeinschaft lebt. Inzwischen ist daraus eine Alters-WG geworden, die fast so bekannt ist wie die „Kommune I” im Berlin der 1968er.

Henning Scherf ist Pragmatiker genug, das Unmögliche zu probieren. Seine zentrale These lautet: In einer immer älter werdenden Gesellschaft dürften wir uns nicht auf ein anonymes und überfordertes Sozial- und Gesundheitssystem verlassen. Vielmehr müsse man sich mit Menschen eng zusammentun, die, wie Scherf es sagte, „nicht weglaufen, wenn es schwierig wird, die einen tragen, die um einen sind, wenn man sterben muss”. Sein eigenes Leben, über das der Privatier so erfolgreiche und zuversichtliche Bücher schreibt, soll dabei eine Art Motivation zu mehr gelebter nicht nur geforderter Solidarität sein.

So stand er dann, der „Prototyp der neuen Alten“ nach seiner freigesprochen Lesung, signierte fröhlich Buch um Buch („ich schreib’ da rein, was immer Sie wollen“). Und ab und an konnte er es wieder nicht lassen – das mit dem Kuscheln. Sage doch einer, der Mann liefere keine handfesten Argumente für seine Ideen von einem gelingenden Leben im Alter.

Text: Nikolaos Georgakis

Bilder: Herder Verlag

Erschienen in der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (NRZ) und dem Kevelaerer Blatt am 3. September 2009